Venedig Biennale 2026 – Arsenale
Wenn nachts die Gondeln schlafen im grünlichen, modrig – duftendem Wasser und Ruhe einkehrt in den hektischen Gassen,

der Piazza San Marco in seiner Pracht still vor sich hinfunkelt und sich von den Touristenströmen am Tage erholt,
die prächtigen Yachten schlummern, während sich ihre Besitzer – erschöpft von all der gesellschaftskritischen Biennale Kunst – in einem der vielen besonderen Palazzi einen Champagner gönnen,
die letzten Pavillion-Partys aufgrund Alkoholmangels schließen,
dann wacht die Kunstwelt erst richtig auf und trifft sich in der Bar!
Man wartet geduldig auf Spritz…
und zieht dann weiter zu dieser Bar…
…und schließlich zu dieser.
Praktischerweise liegen sie alle nur wenige Meter voneinander entfernt. Und wenn man sich nicht in den Giardini über den Weg läuft, dann sicher hier.
Für die Hartgesottenen, zu denen ich mich einst zählte, gehört es dazu, sich kurz vor Barschluss noch zwei Spritz im Plastebecher zu holen und dann stundenlang vor der geschlossenen Bar auszuharren um Marlborogh Lights zu rauchen….
…um dann betrunken verloren zu gehen in den Gassen Venedigs. Keine schwere Sache, denn da geht man ja schon nicht-betrunken verloren.
Doch diese Tage liegen hinter mir, inzwischen torkel ich schon bedeutend früher zurück und finde sogar – hin und wieder – den Weg.
Denn es gibt viel zu sehen. Zum Beispiel die Arsenale, den zweiten großen Ausstellungsort der Biennale. In aller Frühe ( 11 Uhr – der Fischmarkt hat sogar noch auf) mache ich mich auf den Weg,
zunächst in die Fondatione Prada um die Ausstellung Helter Skelter von Arthur Jafa and Richard Prince zu sehen. Bildkultur, Aneignung, amerikanische Pop- und Medienwelten sowie Fragen von Race, Celebrity, Musik und visueller Manipulation – das sind Themen, die in den US Pavillion gehören und so ist die Ausstellung tatsächlich für viele der inoffizielle US Pavillion und deshalb unbedingt einen Besuch wert.
Auf dem Weg zur Arsenale stolpere ich kurz in ein Fashionshoot und fühle mich in die 80er Jahre zurückversetzt. Venedig ist in jeder Hinsicht eine Zeitreise.
Der schnellste Weg zur Arsenale ist das Vaporetto. Man fährt vorbei an der Guggenheim Collection und bekommt gleich eine Sightseeing Tour.
Ein prächtiges Entree auf der Arsenale
führt mich an einem sich drehenden und filigrane Schatten werfenden Olivenbaum ,
einer kunstvoll bestickten Jagdszene aus Glasperlen,
zu den eindrucksvollen Großformaten von Kaloki Nyamai
und den traumartigen Skulpturen von Rajni Perera und Marigold Santos.
Auch von Seyni Awa Camara entdecke ich Terrakotta Skulpturen – diesmal keine lebensgroßen Figuren sondern eine kleine Armee mit dem Titel People’s Desire – Das Verlangen der Menschen.
Mmakgabo Mmapula Helen Sebidi erschuf dieses beeindruckende Werk, Ausdruck eines zerrissenen Innenlebens. Es korrespondiert auch mit dem Gefühl nach einer durchzechten Nacht in den Bars von Venedig.
Umrhubuluzi bedeutet in der südafrikanischen Sprache Xhosa „der Kriecher“. Nicholas Hlobo erschuf diese Skulptur aus Autoreifen. Mit ihrer suggestiven Formensprache kriecht sie sich direkt in unser Unterbewusstsein.
Berührend fand ich die Zeichnungen der Kanadierin Bonnie Devine. Sie ist Angehörige der First Nations und stellt in einer Serie aus Zeichnungen die Auswirkung des Uran-Abbaus in ihrer Heimat dar, die einst unberührte Natur war. Es sind manchmal die einfachen und unprätentiösen Darstellungen die eine schmerzhafte Authentizität in sich tragen.
Orangefarbene Köpfe treiben in der Werft…
…und Nick Caves Skulptur bekommt im Gegenlicht eine unheimliche Form. Sie läßt mich an den Song Strange Fruit denken, der von den Lynchmorden in den Südstaaten der USA erzählt.
Norton Maza zeigt seine Arbeit Inter-Reality im chilenischen Pavillon. Zunächst erblickt man eine weiße Skulptur…
…in der sich Gucklöcher zu Miniatur-Diorahmen befinden, die sich im Inneren der Skulptur verbergen und Szenen gebrochener Idyllen darstellen. Fasziniert erkunde ich das seltsame Objekt und werde so selber kurzzeitig zum Teil der Skulptur.
Im Indischen Pavillon sieht man die Bambusinstallationen von Asim Waqif und eine filigrane Installation von Sumakshi Singh, die mit Fäden demolierte Häuser nachbildet. Es geht um das Thema der raschen städtischen Entwicklung und komplexer und unübersichtlicher werdenden Strukturen.
Begeistert war ich vom Lettland-Pavillon. Backstage of Utopia. Das Künstlerduo MAREUNROL’S hat einen (vor allem auch ästhetischen) Nerv getroffen, indem sie die experimentelle Mode- und Kunstszene in Lettland der 1990er Jahre ins Zentrum rücken und Fragen aufwerfen, wie Utopien aussehen: fragile, chaotische Konstrukte in Zeiten der Umbrüche.
Verzerrte und verbogene Kleiderstangen bestimmen den Raum, Videoaufnahmen aus den 90er Jahren und diese Vögel, die versuchen, die alte Kostümierung davonzutragen und dadurch eine Leichtigkeit in den metallenen Raum bringen. Es ist die Mischung aus Surrealem und Realem, was es so interessant macht
Vorbei an Nilbar Güreş Installation Ich küsse eure Augen im Türkischen Pavillon
gelange ich zu Alaa Edris Installation Wiswas, in der etwas creepy eine Reihe von Holzgesichtern die Augen im Takt der Uhr bewegen, die immer wieder von einer seltsamen Computerstimme unterbrochen wird („This is the End“).
Im Italienischen Pavillon empfangen mich lebensgroße, erhabene Tonfiguren mit angenehmer Theatralik. Chiara Camoni lädt in ihrem Beitrag Con te con tutto – Mit dir mit allem – zur Teilhabe ein.
In der Halle wird gemeinsam zu lautem Techno getöpfert. Die fertigen Objekte werden allmählich die Halle füllen und alle Besucher werden so zu Mit-Künstlern.
Zu erschöpft von so viel Kunstbetrachtung töpfere ich nun nichts und leiste keinen direkten kreativen Beitrag, doch ich beobachte, wie wohlwollend das Projekt von den Besuchern aufgenommen wird. Den ganzen Tag über bildete sich eine lange Schlange vor dem Pavillon.
Durch die Arsenale Hallen entschwinde ich ins Freie, vorbei an einer Sonnenblumen – Installation…
…zur sonnigen Hauptstraße, die zu den Giardini führt. Langsam sacken die vielen, atemlos wahrgenommen Eindrücke ins Bewusstsein.
Einen herrlichen Sonnenuntergang und etlichen Kilo Spaghetti Vongole später..
… finde ich mich auf dem berühmten Pizza San Marco wieder, dem Platz wo alles beginnt, und jede Nacht endet. Der Dogenpalast ist in flippigen Farben beleuchtet…
…und man drängelt sich zum Empfang des Preis der Nationalgalerie, auf dem Thomas Girst von der BMW Culture Group und Klaus Biesenbach gerade Dankesreden halten. Ich treffe auch auf Maurizio Cattelan der nur verschmitzt grinst, als ich sein Kunstwerk The Comedian mit der berühmten sechs Millionen Dollar Banane anspreche. Ob es nicht den Kunstmarkt ad absurdum führe frage ich ihn, doch er hält sich bedeckt und wahrt seine geheimnisvolle Aura des unangreifbaren Genies – Kunst braucht eben nicht viele Worte.
Nach so viel Input, so viel Pasta, und so viel Spritz heißt es nun Ciao und Buonanotte! Und vielleicht – noch einen klitzekleinen Absacker in einer der Bars um die Ecke…
Kai
Mai 17, 2026 @ 17:20:33
Danke für die Nachbetrachtung mit Deinen Augen!
Kai
Mai 17, 2026 @ 17:20:55
Danke für die Nachbetrachtung mit Deinen Augen und Worten.
Peter Lensch
Mai 17, 2026 @ 20:27:47
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️+