Venedig Biennale 2026 – Giardini

Alle zwei Jahre nimmt die Kunstwelt Kurs auf Venedig und klackert mit ihren Rollkoffern durch die engen Gassen der Altstadt, über krumme Brücken und modrige Fundamente, um sich dem Event des Jahres hinzugeben: Der Biennale d´Arte – das größte, wichtigste und schönste Kunstspektakel der Welt.
Diese unübertroffene Pilgerreise, die dieses Jahr zum 61. Mal statt findet, gilt nicht ausschließlich den fantastischen Künstlerinnen und Künstlern aus allen Erdteilen, dieser Vielfalt an Arbeiten, Perspektiven und Ausdrucksarten, sondern sie gilt auch Venedig. Die Stadt bietet eine perfekte Kulisse als Disneyland für Kunstliebhaber mit einem Hang fürs Morbide, für subtile Details, für luxuriöse Üppigkeit. Sie gleicht dem Labyrinth eines melancholischen Innenlebens, in dem man sich nachts mit dem Spritz im Plastebecher stundenlang verirren kann.
An schiefen Palästen aus dem 15. Jahrhundert vorbei, an prachtvollen Kirchen wie der Santa Maria della Salute, die einst die eintreffenden Handelsschiffe begrüßte und sogleich Venedigs Macht und Herrlichkeit demonstrierte, schippere ich auf dem brummenden Vaporetto Richtung Giardini.
Am Hotel Baur herrscht Gondel-Rush-Hour. Es ist der eigentliche Treffpunkt der mondänen Kunstwelt, wird zur Zeit aber immer noch renoviert.
Ich hoffe, ich komme noch vor dem Regensturz an, der sich gerade am Himmel zusammenbraut. Unter Regenschirmen stehen die geladenen Preview-Gäste geduldig in meterlangen Schlangen und warten auf den Eintritt in die Länderpavilions. Besonders beliebt: Österreich. Florentina Holzingers Performance-Installation Seaworld Venice ist in aller Munde und stundenlang harren sie aus, um eine nackte Jet-Ski Lady zu bewundern, die im bewässerten Innenraum ihre Kreise zieht – aber dazu später mehr.
Gestern konnte ich bereits ein trunkenes Stilleben von Tony Cragg bestaunen und ein Glas Champagner mit Mozarella Häppchen in einem verwunschenen Innenhof genießen, sowie die wunderbaren Malereien von Sanya Kantarovsky ansehen.
Die lockeren, malerischen Flächen sind technisch beeindruckend, doch auch inhaltlich fesselt mich diese Mischung aus Tragik und Komik die da mitschwingt, zusammen mit etwas düsterer Melancholie.
Der Abend endete schließlich in einem privaten Palazzo, Heim eines Kunstsammlers und Mäzen mit kiloschweren, eindrucksvollen Muranoglas-Leuchtern, die von der historischen Decke baumelten und einer Portion Vongole.
Aber zurück zu den Giardini. Es hat noch nicht zu regnen begonnen und ich bewege mich zunächst in die Hauptausstellung, kuratiert von Koyo Kouoh, die 2025 plötzlich verstarb. So wurde die Hauptausstellung in ihrem Sinne, nach ihren Plänen errichtet, die unter dem Motto In Minor Keys steht – in leisen Molltönen gegen das laute Chaos der Welt.
Leise geht es nicht zu, denn in den Giardini gibt es während der Eröffnungstage und wahrscheinlich auch darüber hinaus rund um die Uhr Proteste und lautstarke Demos aufgrund der Beteiligung Russlands und Israels. Viele fordern den Ausschluss dieser Länder, was dann konsequenterweise auch die USA betreffen müsste. Andere sind der Auffassung, das man niemanden ausschließen sollte, denn Kunst ist der letzte Ort, um Brücken zu bauen. Allerdings sind diese Brücken zur Zeit sehr wacklig. So wackelig, dass sich die Jury kurzerhand entschlossen hatte, einige Wochen vor der Eröffnung zurückzutreten. Der renommierte Goldene Löwe für den besten Länder-Pavillon wird somit dieses Jahr voraussichtlich nicht verliehen.
Am Eingang der Haupthalle sieht man eine Maske von Big Chief Melancon, die auf den ersten Blick heiter und farbenfroh wirkt, doch auf den zweiten Blick Schlachtszenen zwischen Schwarzen und Weißen offenbart. Diesen düsteren Bruch findet man in vielen Werken wieder, seien es die lebensgroßen traum- oder albtraumhaften Terracotta Figuren von Seyni Awa Camara, die zunächst harmlos wirkenden Tierfiguren, unter denen jedoch gefährliche Schlangen weilen, von Celia Vasquez Yui oder die vielen filigranen Details in den fantastischen Pastellzeichnungen von Sabian Baumann.
Nach dem Besuch des Zentralen Pavillions gerate ich in die Menschenmenge vor dem Österreichischen Pavilion, vor dem gerade eine Perfomance von Florentina Holzinger stattfindet. Ich höre Leute munkeln, dass sie die Goldenen Löwen bekommen hätte – wäre die Jury nicht zurückgetreten. Nun soll stattdessen ein Publikumspreis vergeben werden, was nicht überall begrüßt wird.
Im Pressetext zu Seaworld Venice heißt es: „Ausgehend von ihren langjährigen Recherchen zum Element Wasser untersucht Holzinger darin den menschlichen Körper in einer radikal veränderten Landschaft, in der Natur und Technologie unmittelbar aufeinandertreffen.“ Wir sehen eine Person im Tauchbecken, die in der „eigenen Pisse“ badet, in der auch die nackte Jet-Ski Lady ihre Kreise zieht. Besucher können ihren Beitrag auf einem der bereitgestellten Dixie-Klos leisten. Archaisch, existenziell, körperlich, etwas eklig und absurd, vor allem aber laut und unerschrocken – das ist typisch Florentina Holzinger und niemand möchte sich das Spektakel entgehen lassen. So warten die Leute über zwei Stunden, um die stündlich stattfindenden Performances in Augenschein nehmen zu können.
Einige finden den Hype um ihre Inszenierung überbewertet, anderen leuchten begeistert die Augen, wenn sie ihren Namen hören. Es ist definitiv der Pavillion, über den am meisten berichtet wird und vor dem sich die längste Schlange bildet.
Andreas Angelidakis geht es ruhiger an im Griechischen Pavilion, aber nicht weniger aufregend. Er hat mit Escape Room eine moderne platonische Höhle erschaffen, die an einen kinky Underground Techno Club erinnert. Platos Höhlengleichnis, das von der Suche nach wahrer Erkenntnis handelt, ist hier angesiedelt in der „heutigen Ära der Post-Wahrheit und des aufsteigenden nationalistischen Populismus“.
Auf dramatische Inszenierung setzt der Romänische Pavillion von Anca Benera und Arnold Estefan. Black Seas – Scores for the Sonic Eye heißt die Video-Installation, herumliegende Objekte sind eher Dekoration als Kunstwerk und in Kürze tritt eine Frau auf, die inbrünstig über die Macht der Natur singt, was mich etwas an den ESC denken lässt. Aber vielleicht ist die Biennale – gerade mit ihrer etwas altmodischen Aufstellung der einzelnen Länderpavillions, die jedesmal auch in einen Wettbewerb um die höchsten Besucherzahlen miteinander treten – auch eine Art ESC der Kunst.
Fasziniert bin ich vom Polnischen Pavillion. Liquid Tongues heißt die Video Installation von Bogna Burska und Daniel Kotowski, in der in einer choralen Interpretation nach alternativen Kommunikationswegen gesucht wird. Außerdem bietet der Pavillion eine perfekte Erholungsmöglichkeit für die erschöpften Massen.
Predrag Djaković untersucht im Serbischen Pavillion Erinnerung, historische Traumata und die Frage, wie Menschen unter dem Druck von Ideologien und Geschichte geprägt werden. Auf tausenden alten Fotos sieht man verblichene Gesichter und vergangene Geschichten – so viele von ihnen – alle Kinder ihrer Zeit, geformt vom damaligen Gesellschaftsbild. Und man fragt sich unweigerlich, inwieweit man selbst von jenen vergangenen Gesellschaften beeinflusst ist, ihren Erfahrungen von Krieg und Vertreibung, dem Zusammenbruch politischer Systeme, die zu einer je nach Land und Geschichte unterschiedlichen kollektiven Identitätsbildung führen.
Eine improvisierte Klaviermusik in A-Moll läuft dazu – und verweist auf das Motto der Biennale: In minor Keys.
Um Koloniale Erinnerung geht es im Brasilianischen Pavillion, der den Titel Comigo ninguém pode trägt – Mit mir kann niemand fertigwerden, kuratiert von Diane Lima mit Arbeiten von Rosana Paulino und Adriana Varejão.
Mit rund 30 Skulpturen ist Alma Allen im USA Pavillion vertreten. Politisch ist sein Statement nicht, doch diese Skulptur hat trotz der geschwungenen surrealen Formen auch etwas aggressives und undurchschaubares, passend zum Klima in den USA.
Märchenhaft-mythologisch ist es im Nordischen Pavalion, hier mit einer Skulptur von Klara Kristalova.
Etwas mulmig ist mir vor dem Russischen Pavillion. Für die Preview Tage ist er nach vielen Diskussionen geöffnet worden, danach wird er geschlossen bleiben, doch man soll auf Bildschirmen weiterhin die Performance sehen können. Polizisten reihen sich auf, Demonstranten wollen den Eintritt verbieten, doch die Neugier ist groß und so bahne ich mir den Weg zur Tür, die von einem untersetzten KGB-mäßigen Mann verstellt wird, der erstmal alle Besucher nach ihrer Profession fragt. Ich sage „Artist“ und darf passieren, der Mann hinter mir muss draußen bleiben.
Innen singt eine Gruppe von Performern lautstark und inbrünstig russische Volksweisen, die mich an den russischen Kinderfilm Die Abenteuer im Zauberwald denken lassen. Abenteuerlich fühlt es sich auf jeden fall an, als würde ich etwas verbotenes tun, mich auf Feindesland bewegen. Da fällt mir auf, wie absurd die Situation ist und auch das Erschaffen von Feindbildern. Am Ende bin ich hier in einer Kunstausstellung, dennoch fühlt sich alles sehr schräg an. Der Geruch von altem Blumenwasser liegt in der Luft, er stammt von den vielen schon welkenden Blumen, die überall angebracht sind.
Es hat etwas aggressives, aber auch fast etwas verzweifeltes. In der Art und Weise der vorgetragenen Performance schwingt so etwas mit wie „Uns kriegt ihr nicht unter“, viel Stolz aber auch Traurigkeit. Ich kann es schwer einordnen, doch der Gedanke an Zynismus kommt mir nicht auf, was vielleicht an der kraftvollen Musik liegen mag.
Es herrscht eine unangenehme Anspannung in und um den russischen Pavillion und ich bin erleichtert, als ich wieder draußen bin und mich in Richtung Dänischer Pavillion bewege. Dort erwartet mich ein Kontrastprogramm: Maja Malou Lyse präsentiert ihre Arbeit Things to come, die sich mit Pornografie und die Auswirkung visueller Reize auf die männliche Fruchtbarkeit befasst. Neben Videoarbeiten gibt es auch Tröge voller Sperma zu sehen, die ihr die Cryos International Sperm Bank zur Verfügung gestellt hat.
Gäbe es dieses Jahr den Goldenen Löwen, so wäre auch Deutschland ein Anwärter darauf. In dem von Kathleen Reinhardt kuratierten Pavillion präsentieren Henrike Naumann und Sung Tieu eine Rauminstallation unter dem Titel RUIN, die sich mit den Themen DDR, Wiedervereinigung und Transformationszeit befasst.
Allein schon die äußere Optik der etwas einschüchternen Architektur hat sich verändert in einen Plattenbau. An der Wand krabbeln Schokomutschekiepchen und die Interieurs lösen Erinnerungen aus – sie schaffen eine perfekte Mischung aus Konzept und Gefühl.
Beide Künstlerinnen sind Kinder der 80er und haben diese Zeit der Umbrüche miterlebt. Einige Wochen vor der Eröffnung starb Henrike Naumann nach kurzer, schwerer Krankheit. So wurde die Installation nach ihren Plänen errichtet.
Die Gewächshaus-Atmosphäre des Kanadischen Pavillions lädt zur kurzen Meditation ein…
…der Französische Pavillion wirkt geheimnisvoll…
…und der britische Pavillion lädt zu Nachdenken ein. Der Titel Predicting History spielt darauf an, dass Geschichte nie linear oder planbar ist – sondern immer rückwirkend interpretiert wird.
Leider kann ich nicht lange verweilen, denn die Giardini schließen pünktlich und die Wärter scheuchen alle hinaus. Schnell werfe ich noch einen Blick in den Schweizer Pavillion, in dem ein internationales Kollektiv unter dem Titel The Unfinished Business of Living Together Fragen nach dem gesellschaftlichen Zusammenleben stellt.
Verschlingt der Hai hier gerade das Patriarchat?
Zum Abschluss treffe ich auf die nette One-Man-Performance, die mit großer Beharrlichkeit zu jeder Biennale vorgetragen wird. Ob er seine Liebe je findet? 2028 gebe ich ein Update.
Nachdem ich nun sehr viele Pavillions nicht gesehen habe in den Giardini sowie jene, die in der Stadt verteilt sind ( u.a. auch den Ukraine Pavillion), muss ich wohl noch einmal herkommen, denn man kann unmöglich alles sehen an den Eröffnungstagen. Zuviel Aufmerksamkeit erfordern die ganzen Spritz, die man nachts in den Bars rund um den Piazza San Marco zu sich nimmt.
Alles unter dem grünen Schein von Chris Levine, der einen starken Laser von San Clemente aus in den Himmel projiziert. Dieses Laserstrahlsystem ist eigentlich Militärtechnik, was dem ganzen einen unheimlichen Touch verleiht – ein Omen? Es erinnert an das Motto der 58. Biennale, damals kuratiert von Ralph Rugoff: May You Live in Interesting Times.
Lest auch Teil 2 vom Blog: VENEDIG BIENNALE ARSENALE
Offizieller Link zu Biennale: Biennale Arte 2026