Winterrundgang der Spinnerei – Galerien 2026
Zur kältesten Zeit des Jahres erwärmt die Spinnerei in Leipzig die Gemüter mit viel Kunst (und Wein) und öffnet die Galerie-Pforten zum jährlichen Winterrundgang. Ich zieh den Ski-Anzug an und schlittere bei minus zehn Grad direkt auf das einmalige Geländer, das sich seit über zwei Jahrzehnten fest im Kunst- und Kulturbetrieb etabliert hat und neben den Galerien auch etliche Ateliers beherbergt.

Los gehts bei Galerie Eigen+Art, der ich immer als erstes einen Besuch abstatte, wenn ich nicht vorher drei Stunden im Boesner Kunsthandel versacke, der sich ebenfalls auf dem Gelände befindet. Bei Eigen+Art sind großformatige Arbeiten von Stefan Guggisberg zu sehen…
…die in einer besonderen Technik mit Öl auf Papier gebracht werden und so malerische Flächen erzeugen, die dennoch grafisch und zeichnerisch wirken.
Rigo Schmidt zeigt im Laden für Nichts Fledermäuse und andere freundliche Gesellen in altmeisterlicher Öltechnik…
Vom Affen bis zum Cowboy entfalten die Arbeiten eine ganz eigene, düster-absurde Wirkung. Die Portraits der Tiere bekommen plötzlich etwas sehr Menschliches, und selbst die Sofalehne scheint in einen Dialog gehen zu wollen. Ich bekomme das Gefühl, als befände ich mich in einem Film – David Lynch trifft auf David Attenborough…
Chloé Sai Breil-Dupont heißt die Künstlerin, die Laeticia Gorsy in ihrer Galerie zeigt ( ehemals SheBam Gallery). Sie präsentiert ihre Malerei in einer Raumintervention, mit Wandzeichnungen oder zum Teil mitten im Raum, so dass zwischen den einzelnen Werken eine ganz bestimmte Verbindung hergestellt werden kann.
Die ungewöhnlichen Portraits lösen zuweilen ein Gefühl des Unbehagens aus, das durch die bissigen, messerscharfen Striche der Wandzeichnung noch verstärkt wird. Es ist die erste Solo-Ausstellung der Künstlerin in Leipzig.
Bei Thaler kann man die textilen Gemälde von Inga Kerber bestaunen, deren zeitentrückte Ornamentik mich immer wieder aufs Neue begeistert. Sie beflügeln mein Herz auf eine angenehm leichte Weise und ich möchte mich direkt in diese freundliche Lebendigkeit hinein begeben.
Sehr sympathisch empfängt mich das Bildnis zweier ineinander verschlungener Stühle in der Galerie Kleindienst, die entweder ein freundliches Techtelmechtel haben oder sich gegenseitig etwas piesacken. „The Crack in the Bowl“ heißt die Ausstellung von Henriette Grahnert…
… die in ihren Bildwelten zuweilen wieder komische Details unterbringt, wie hier eine rauchende Blume als Teil eines Stilllebens.
Ein saftiger Blumenstrauß ist in der Ausstellung „All about nothing“ von Martin Galle in der Galerie Suburbia Contemporary zu sehen. Die Galerie hat ihren Hauptsitz in Barcelona und ist derzeit auf der Spinnerei in Leipzig vertreten.
Viel unheimlicher geht es bei Reiter zu. Die Bildwelten von Clemens Tremmel wirken wie aus einer fernen Zeit und haben etwas fremd-vertrautes. Ich mußte unweigerlich an den Film Highlander denken, aber sie könnten auch Assoziationen in eine dystopische Zukunft wachrufen, jenseits der heutigen Zivilisation. Es können Traumbilder sein, die aus den tiefen Gefilden unseres Unterbewusstseins ans Licht steigen. Unweigerlich bleibe ich einige Zeit fasziniert und eingesogen vor den Arbeiten stehen…
…bevor ich mich aus den kalt-schnee-matschigen Räumen….
…in eine Galerie begebe, die überraschenderweise mit angenehm duftenden Stroh gefüllt ist. Passend dazu heißt die Galerie The Grass is greener.
In der Ausstellung „Horsing around“ geht es ausschließlich um Pferde, die in allen Variationen auftauchen. Als liegende Pferde-Skulptur….
…. verrückt-entrücktes Bild auf einer Graffiti Wand …
.. oder auf einem Paravent. Genauso soll es ja auch sein mit der Kunst oder zumindest der Kunstbetrachtung: Horsing around – Kunst kann auch Spass machen.
Die Skulptur von Grumpy Cat entdecke ich ebenfalls in den Galerieräumen, sie begrüßt fröhlich das neue Jahr…
..zusammen mit einem mißmutigen Flamingo.
Auch zwei muntere Möpse entdecke ich, hier in einem Detail in einer Arbeit von Undine Bandelin.
Gleich nebenan sind Arbeiten von Johannes Daniel zu sehen. „Ghosts burn to shine“ heißt seine Ausstellung in der Galerie ASPN : Malereien ineinander gemorphter Figuren, die Fülle und Intimität vermitteln aber auch die Konfusion, dieses Ungreifbare unserer Zeit widerspiegeln.
Inzwischen hat die blaue Stunde begonnen und der Himmel färbt sich allmählich in ein eisiges Indigo, ich rutsche auf den glatten Schnee-Wegen zur Galerie Tobias Nähring…
..die Arbeiten von Thomas Rentmeister zeigt. Ich muß zweimal hinsehen um zu erkennen, dass es sich um ein Arrangement gespitzter Buntstifte handelt – und deren Abfälle, die in einer kunstvollen Landkarte zusammengetragen eine ganz neue Assoziation ergeben. Ich denke an die Kindheit, die Schule, das ewige Zeit-totschlagen, den Geruch gespitzter Buntstifte und den ständigen Spieltrieb, der den meisten Menschen im Laufe der Zeit abhanden kommt und freue mich umso mehr, ihn hier wieder aktiviert zu sehen. Kunst ist Spiel, unter anderem. Sonst ist sie gar nicht möglich.
In der Galerie Philipp Anders entdecke ich die Arbeiten von Inna Levinson und bin begeistert von der groben Textur, die ihre oftmals großformatigen Malereien wie Wandteppiche wirken läßt.
Auf sehr groben Leinen, oder vielmehr eine Art von kräftiger Gaze bringt sie ihre Farbflächen auf, die je weiter man zurück tritt, zu einem Bilderkosmos verschmelzen, zwischen Figuration und Abstraktion.
In den Ausstellungsräumen unterhalb der Halle 14 bestaune ich die Keramik-Skulpturen von Maya Fenderl…
… die in der Ausstellung „Exil – Export“ zu sehen sind. In ihrer ganz eigenen Formensprache greift sie auf gewöhnliche Materialien zurück, wie zum Beispiel Gummischläuche, und formt diese zu kunstwollen Objekten, die wie Relikte einer fernen Alien-Zivilisation wirken.
Im Showroom der Galerie Kleindienst fällt mir dieses Detail in einer Arbeit von Corinne von Lebusa auf. Ihre zarten Aquarelle werden von lasziven, entrückt dreinblickenden und traumgleichen Frauenfiguren bevölkert, die alle ein Geheimnis in sich zu tragen scheinen.
Die Nacht ist hereingebrochen und bevor nun ausgiebig Wein in allen Farben getrunken wird, werfe ich noch einmal einen Blick in die Galerie Eigen+Art…
Wie in dieser Fotografie, die ich bei Archiv Massiv ausfindig machte, bewegen sich an diesem Tage alle über das Geländer der Spinnerei, denn der glattgetretene Schnee macht das Gelände zu einer Schlittschuhbahn.
Passend dazu hängt bei Eigen+Art meine Monotype „People on Ice“, in der sich schemenhafte Figuren vor einem dunklen Hintergrund über das Eis bewegen. Sie wirken nicht wie erfreute Schlittschuhläufer, sondern tastend und unsicher, als könnten sie jeden Moment einbrechen.
So kommt es mir manchmal vor: man bewegt sich tastend durch den Nebel des Lebens und weiß nicht recht, wohin man steuert und ob es gut ausgehen wird. Der Boden ist dünn geworden unter den Füßen und unsicher.
Neben der Monotypie gibt es noch die Zeichnung „Auf dem Nachhauseweg“ zu sehen, die mehr Wärme ausstrahlt, doch auch hier trotz der beiden Figuren ein Gefühl der Isolation aufkommen lässt..
… genauso wie das Bildnis von „Yulia“. In dieser Arbeit trifft die Darstellung mittels einer sehr alten Drucktechnik, der Radierung, auf die moderne Darstellung des Selbst: Die Instagram Pose. Zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung tastet sich diese Figur ebenso durch den Nebel des Lebens …
….wie diese zwei Figuren im Boot. „Abgesang“ heißt diese Monotypie, in der man als Betrachter Zeuge der letzten Überfahrt wird. Zumindest gibt es doch einen Fährmann, hier das freundliche Skelett, und ganz sicher werden wir eines Tages dort angekommen.
Zum Abschluss renne ich noch in Sven, einem begeisterten Kunstbesuche. Gemeinsam versuchen wir, Edgar Leciejewski einen Besucht abzustatten. Wir rütteln einige Zeit an seiner Ateliertür – doch vergebens. Edgar ist im Schnee steckengeblieben, irgendwo auf der Autobahn.
Für mich geht es am nächsten Tag wieder zurück nach Weimar, wo mich der freundliche, schneebedeckte Goethepark bei strahlendem Sonnenschein empfängt.
Die nächsten Rundgänge finden übrigens wieder im April und im September statt:
Frühjahrsrundgang: 25./26.April 2026
Herbstrundgang: 5./6. September – da wird es auch eine Gruppenausstellung geben bei Eigen+Art mit Arbeiten aller Galerie -Künstlerinnen. Ihr seid herzlich eingeladen!
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